Den Rekord hält Ronco Canavese, 383 Einwohner über Turin. Die Karte der Ankommenden ist das Gegenteil der Wahlkampfreden.
Die Gemeinde mit dem höchsten Ausländeranteil Italiens liegt nicht in Mailand und nicht in Rom. Es ist ein Dorf mit 383 Einwohnern, hoch in den Bergen über Turin. In Ronco Canavese im Val Soana sind 137 der Bewohner Ausländer — 35,77 Prozent. Es gibt keinen Bahnhof, kein Einkaufszentrum, keine der Ladendiebstahl-Geschichten, die die Wahlkampfreden füllen.
Und doch beherrscht ein Wort die Debatte dieser Tage: Unsicherheit. Ein Bologneser Stadtrat beklagt einen Anstieg der Ladendiebstähle um achtzig Prozent und kündigt Anfragen an. Ein wegen Raubes abgeschobener Mann taucht wieder in Latium auf und landet im Gefängnis. Die beiden Geschichten reisen gemeinsam, Einwanderung und Kriminalität, als erkläre die eine die andere. Die Daten darüber, wer wo lebt, zeichnen eine ganz andere Karte.
Die Rangliste der Gemeinden nach Ausländeranteil zu lesen heißt, das Italien zu bereisen, das sich leert. An der Spitze steht Baranzate am Rand von Mailand, wo Ausländer 36,56 Prozent der Bevölkerung ausmachen: 4.376 Menschen in einem Raster alter Arbeiterhäuser. Direkt darunter kippt die Karte. Bajardo, Airole, Vessalico, Lucinasco — vier Dörfer im Hinterland von Imperia, je ein paar Hundert Einwohner, wo fast jeder Dritte im Ausland geboren ist.
Hier dreht sich die Erzählung um. Wo die Reden eine Invasion sehen, sehen die Melderegister das Einzige, was den Kollaps aufhält. Ordona bei Foggia, Monticiano in den Hügeln von Siena, Monfalcone in der Provinz Gorizia: Orte, in denen ohne die neuen ausländischen Einwohner die Bevölkerungskurve längst unter null läge. Der Landesdurchschnitt liegt bei 7,3 Prozent. Diese Dörfer übertreffen ihn um das Vier- bis Fünffache, und es sind nicht die Städte, in denen die Angst Schlagzeilen macht.
Ausländische Einwohner als Anteil an der Gesamtbevölkerung. Quelle: DatiItalia — ISTAT-Daten
Hier sei klar gesagt, was diese Zahlen nicht enthalten. DatiItalia veröffentlicht keine Kriminalstatistik: Wir haben keine Diebstähle je Gemeinde, keine Raubüberfälle je Viertel, und kein Diagramm dieser Seite kann sagen, ob die Kriminalität in Bologna gestiegen oder gesunken ist. Wer die Karte der Ausländer mit der Karte der Straftaten verknüpft, überspringt einen Schritt, den offene Daten heute schlicht nicht erlauben.
Sagen lässt sich, wer in Bologna lebt. Die ausländischen Einwohner sind 58.806, also 15,07 Prozent der Bevölkerung — etwa das Doppelte des italienischen Durchschnitts, aber weit entfernt von den Bergdörfern an der Spitze. Die größte Gemeinschaft ist die rumänische mit 9.015 Menschen; es folgt Bangladesch mit 4.877. In einer Stadt von 391.473 Einwohnern sind das vor allem Familien, keine marschierende Kolonne.
Durchschnittliches erklärtes Einkommen pro Jahr. Quelle: DatiItalia — MEF-Daten
Zurück nach Ronco Canavese, denn dort berühren sich die beiden Debatten. Das durchschnittliche erklärte Einkommen des Dorfes liegt bei 17.085 Euro, gegenüber 21.985 im Landesmittel — ein Drittel ärmer als das Land, mit einem der höchsten Überalterungsindizes Italiens. Wer herkommt, findet keinen Schatz zum Streiten. Er findet leere Häuser und niedrige Löhne, und oft ist er der einzige Grund, warum die Schule offen bleibt.
Dieselbe Geschichte wiederholt sich in Castel San Giovanni bei Piacenza, wo Ausländer 23,69 Prozent stellen: Landwirtschaft, Logistik, Arbeit, die Italiener nicht mehr machen. Die Frage, die die Reden nie stellen, ist einfach. Hinge die Sicherheit vom Ausländeranteil ab, müssten diese Dörfer die gefährlichsten Orte Italiens sein. Hat je jemand von der Kriminalität in Vessalico gehört?