Der Duomo ist von 19.817 auf 15.892 Einwohner geschrumpft. Quarto Oggiaro, angeblich im Niedergang, wächst um 11,5 Prozent.
1999 lebten im Schatten des Mailänder Doms 19.817 Menschen. Heute sind es 15.892. Das historische Zentrum hat in sechsundzwanzig Jahren fast ein Fünftel seiner Bewohner verloren, während die Stadt der Welt das Gegenteil erzählte: Wolkenkratzer, Olympia, Studierende in der Schlange für ein Einzimmerapartment. Die neuen Daten der Stadt Mailand, von 1999 bis 2025 für alle achtundachtzig NIL (die offiziellen Stadtviertel, jetzt auf DatiItalia abrufbar), sagen etwas anderes. Das «boomende Mailand» ist ein Durchschnitt. Und der Durchschnitt verdeckt zwei Städte: ein Zentrum, das sich langsam leert, und eine Peripherie, die wächst — stellenweise rasant.
An der Spitze der Wachstumstabelle steht kein Name aus den Hochglanzprospekten. Dort steht Cascina Merlata, ganz am nordwestlichen Stadtrand: 16 Einwohner im Jahr 1999, heute 956. Ein Plus von 5.875 Prozent, das höchste der Stadt, getragen von den Neubauten rund um das frühere Expo-Gelände. Dahinter folgen Parco Forlanini–Cavriano mit plus 203,1 Prozent, Ronchetto delle Rane mit plus 192,7 Prozent und Rogoredo–Santa Giulia, wo im Beobachtungszeitraum ein ganzes Quartier entstand: plus 159,6 Prozent. Fünfter ist Maggiore–Musocco–Certosa mit plus 134,1 Prozent.
Die wichtigste Zahl betrifft aber die «schwierigen» Arbeiterviertel. Quarto Oggiaro–Vialba–Musocco, jahrzehntelang das mediale Kürzel für Niedergang, ist von 29.526 auf 32.914 Einwohner gewachsen: plus 11,5 Prozent. Villapizzone–Cagnola–Boldinasco legt um 18,1 Prozent zu. Padova–Turro–Crescenzago um 13,3 Prozent, entlang jener Via Padova, aus der laut Schlagzeilen alle fliehen. Die neuen Universitätsviertel runden das Bild ab: Lambrate–Ortica plus 77,6 Prozent, Bicocca plus 67,3.
Veränderung der Einwohner in % je NIL, alle Viertel enthalten — logarithmische Skala: Cascina Merlata (+5.875%) ist ein nach dem Expo-Areal neu entstandenes Viertel. Quelle: DatiItalia, auf Basis der Open Data der Stadt Mailand.
Die untere Hälfte der Tabelle dreht die Geschichte erneut um. Nicht die Vorstädte verlieren Menschen, sondern das Herz der Stadt. Der Duomo hat fast ein Fünftel seiner Bewohner eingebüßt, Porta Ticinese–Conca del Naviglio und Città Studi rund ein Zehntel, selbst Brera schrumpft. Eine Warnung zu den Extremwerten: Der stärkste relative Rückgang entfällt auf die Giardini di Porta Venezia, ein statistisches Mikroviertel mit nur 38 Einwohnern. Wie der Parco Nord ist es eher ein Park als ein Viertel. Seine Prozentzahlen sind mit Vorsicht zu lesen.
Der solideste Fall ist Buenos Aires–Porta Venezia–Porta Monforte. Mit 61.964 Einwohnern ist es das bevölkerungsreichste NIL der Stadt, und doch hat es seit 1999 fast fünf Prozent seiner Bevölkerung verloren. Das dichte Mailand der Boulevards aus dem neunzehnten Jahrhundert wächst nicht: Es häutet sich — weniger Familien, mehr Büros, mehr Kurzzeitvermietung.
Veränderung der Einwohner in % je NIL, alle Viertel enthalten — die ersten beiden (Giardini Porta Venezia, Parco Nord) sind statistische Mikroviertel mit wenigen Dutzend Einwohnern.
Historische Reihe der Einwohner des NIL Duomo — Quelle: Stadt Mailand
Die Zeitreihe hält Verwandlungen fest, die der Nachrichtenzyklus übersieht. Rogoredo–Santa Giulia ist von 4.514 auf 11.717 Einwohner gewachsen: mehr als verdoppelt, während die Zeitungen das Viertel fast nur wegen des Drogenwäldchens erwähnten. Cascina Merlata ging den umgekehrten Weg ihres Namens: vom Bauernhof, 16 Einwohner, zum echten Stadtviertel, 956, in einer Generation.
Eine Einschränkung muss sein. Für die Mailänder Viertel liegen bislang nur Einwohner und Haushalte vor: Einkommen, Durchschnittsalter und ausländische Bevölkerung gibt es auf NIL-Ebene noch nicht, nur auf Gemeindeebene. Dies ist ein Pilotstück: Funktioniert das Format, folgen weitere Städte und weitere Indikatoren. Unten lässt sich derweil die Einwohnerzahl jeder italienischen Gemeinde nachschlagen. Das Zentrum von Mailand beherbergt heute jedenfalls weniger Menschen als am Ende des vergangenen Jahrhunderts. Gemerkt hat es kaum jemand.